Radenthein, Kärnten, Österreich

Die Stadtgemeinde Radenthein liegt am Schnittpunkt der Täler des Kaning-, Tiefen- und Feldbaches und zählt ca. 6.700 EinwohnerInnen, davon leben etwa 2.500 im Hauptort selbst, während sich der Rest über mehrere Dörfer verteilt.

Den Aufstieg zu überregionaler Bedeutung verdankt Radenthein dem Bergbau. Bereits im späten Mittelalter wird über Goldsucher berichtet; das erste Hammerwerk zur Verarbeitung von Eisen stammt aus dem 18. Jahrhundert. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde mit dem Abbau von Magnesit und dessen Verarbeitung begonnen. Die RHI (Radex-Heraklith-Industriebeteiligung AG) ist der industrielle Leitbetrieb der Region, der in seiner Blütezeit ca. 3.000 Menschen beschäftigte. In den neunziger Jahren fanden noch 1.200 Personen Arbeit in dieser Industrie, heute sind es nur noch 400. Obwohl die RHI damit noch immer größter Arbeitgeber in der Region ist, führte dieser Beschäftigten-Abbau zu gravierenden Veränderungen: Früher selbstbewusst, als wichtiger Wirtschaftsträger auf dem Österreichischen Markt präsent, entstand aufgrund der sich rasch verbreitenden Arbeitslosigkeit und der fehlenden Zukunftsperspektiven eine „soziale Depression“.

Aus dieser Notsituation heraus, angetrieben durch eine Gruppe sehr engagierter BürgerInnen, konnten einige Leuchtturmprojekte, vor allem im Sozialbereich, umgesetzt werden, die dieser negativen Grundstimmung kraftvoll entgegenwirken. Der Verein VitaminR (Vital miteinander in Radenthein) war hierfür ein wichtiger Grundpfeiler. So kreierte er etwa das „Gesunde Dorf“, wobei Gesundheit als Ausdruck für ein neues Selbstbewusstsein, als wichtige Lebensgrundlage für alle und auch als Grundstein für neue Arbeitsplätze steht.

Aus dieser Gruppe entstand auch das AHA, das Andere Haus des Alterns. Die hierzu umgenutzten Wohn- und Wirtschaftsgebäude einer herrschaftlichen Villa der Industriezeit beherbergen jetzt ein Altenheim, Räumlichkeiten für betreutes Wohnen, einen Kindergarten einschließlich Kleinkinderbetreuung, die zu einem gemeinsamen Lebensraum für Jung und Alt zusammengefasst sind. Integriert ist ein für alle offenes Cafe – als Treffpunkt der Generationen. Eine weiter Initiative ist das „Männerfrühstück 50+“, das – begleitet durch externe Moderatoren – vor allem die Zukunftsbewältigung dieser Gruppe (oft Arbeitslose/Frühpensionisten) zum Ziel hat. Ein Zukunftsprojekt im Planungsstadium stellt eine noch intensivere Jugendarbeit dar. Eine private Initiative ist TRiK, Therapeutisches Reiten in Kärnten für geistig behinderte Kinder.

Sehr anerkennenswert ist, dass in Radenthein inzwischen eine durchgehende, barrierefreie Gestaltung der öffentlichen Räume realisiert ist. In Zusammenarbeit mit den Handwerks- und Gewerbebetrieben wird dadurch eine enorme qualitative Aufwertung des Ortes erreicht, die auch die Attraktivität der Geschäfte im Ortszentrum deutlich steigert. Interessant ist die durchgehende künstlerische Gestaltung mit der Kunstfigur eines „Rettich“, der an unterschiedlichen Plätzen in unterschiedlicher Form in Erscheinung tritt, ein besonderes Identitätsmerkmal darstellt und zu Eigeninterpretationen anregt.

Ein bemerkenswertes öffentlichkeitswirksames Gemeinschaftsprojekt ist die zwischenzeitlich eröffnete Erlebniswelt Granatium. Hierfür wurde ein altes, leerstehendes Industriegelände einer ehemaligen Trachtenbekleidungsfirma zu einem Museum umgestaltet, in dem der Granat im Mittelpunkt steht. Die erheblichen Kosten für den Bau dieses neuen Erlebniszentrums werden teilweise durch Spenden von ortsansässigen Betrieben aufgebracht. Ein weiteres sehr kostspieliges Projekt mit hohem künstlerischem Anspruch ist Sagamundo, das „Haus der Sagen“. Die Hoffnung, mit diesen aus Leader-Mitteln geförderten „Leuchtturm“-Projekten Impulse zum Besuch der Stadt Radenthein auszulösen, sind sicher berechtigt.

Die Landbewirtschaftung erfolgt durch ca. 50 Vollerwerbsbetriebe, die – unter erschwerten Verhältnissen (Hanglagen, Kleinstrukturen) – Grünland- und Forstwirtschaft betreiben. Dabei sind Ansätze zur Direktvermarktung erkennbar. Entlang des Kaningbaches wurden verschiedene naturnahe Freizeitbereiche durch Kneipanlagen, Mühlen, Grillplätze etc. gestaltet.

Raumordnung und Architektur haben wohl aufgrund des fehlenden Siedlungsdruckes derzeit keinen zentralen Stellenwert, könnten aber in einer Modifizierung der Bauleitplanung, um den Baulandbedarf nachwachsender Generation zu decken, neue Aufgaben finden.

Die Stadtgemeinde Radenthein, die in verschiedene überregionale Programme eingebunden ist, überzeugt mit hervorragenden Projekten, insbesondere im Sozialbereich, die der negativen Grundstimmung nach dem Niedergang der örtlichen Industrie entgegenwirken. Durch das Engagement von Schlüsselpersonen konnte eine Umkehr erreicht werden, die BürgerInnen Halt und neue Zukunftsperspektiven gibt. Auch die Initiativen der Gemeinde zusammen mit örtlichen Betrieben sind sehr bemerkenswert. Dadurch erhält der Ort ein neues, modernes Image, entsteht Anziehungskraft für Urlauber in der Region und wird nicht zuletzt ein Beitrag zur wirtschaftlichen Belebung geleistet. Dafür wurde Radenthein mit einem „Europäischen Dorferneuerungspreis für besondere Leistungen in mehreren Bereichen der Dorfentwicklung“ ausgezeichnet.