Vrin, Graubünden, Schweiz

Die Gemeinde Vrin liegt in 1.450 Metern Seehöhe und zählt 250 EinwohnerInnen. Die Gesamtfläche beträgt 7.123 Hektar, davon sind 2.600 Hektar Alpenfläche, 478 Hektar Waldfläche, 300 Hektar Wiesen und nur zehn Hektar bleiben der der Siedlungsfläche vorbehalten.

Dass dieses abgelegene Bergdorf noch als aktive Agrargemeinde mit seit Jahren konstanter Bevölkerung und einem beispielhaften Entwicklungsprozess existiert, ist einer Entscheidung aus dem Jahr 1979 zu verdanken, als der Exodus aus vielen Graubündner Bergdörfern in vollem Gang war und auch in Vrin die Einwohnerzahl von etwa 450 im Jahr 1950 auf ca. 270 sank. Damals gab die Pro Raetia – ein Verein, der bündnerische Anliegen kultureller, sozialer und wirtschaftlicher Art fördert – den Anstoß zur Gründung der Stiftung „Pro Vrin“, deren Ziel es war, die kulturhistorische und architektonische Substanz zu bewahren sowie die Wohn- und Betriebsverhältnisse zu verbessern.

1982 wurde mit der Güterzusammenlegung begonnen, um eine zukunftsorientierte Landwirtschaft zu ermöglichen. Dabei wurden auch der Ausbau des Straßennetzes vorangetrieben und Maßnahmen zur Veredelung und Vermarktung von einheimischen Produkten gesetzt. Die Gründung einer Genossenschaft zum Betrieb eines Schlachthauses und einer Metzgerei sowie zur Direktvermarktung des Bündner Trockenfleisches zählen ebenso dazu wie der Bau von Stallungen, einer Personalunterkunft und einer Käserei sowie die Vermarktung der Milchprodukte in einem Kiosk an einer rege frequentierten Wanderroute.

Auch auf politischer Ebene wurden neue Akzente gesetzt. Man verzichtete auf den Ausbau eines Stausees in der Greina Hochebene und nahm stattdessen das Gebiet als Schutzzone ins Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler der Schweiz auf. Die Aufforstung von 28 Hektar Schutzwald unter Mithilfe der Schulkinder und örtlicher Vereine in den letzten zehn Jahren zeigt die Bemühungen zur Stärkung einer umweltgerechten Forstwirtschaft.

Zu dieser Zeit entstand ein neues Bewusstsein für die eigenen Ressourcen und Potenziale. Neben der unberührten Natur und einer in jahrhundertelanger Arbeit entstandenen Kulturlandschaft wurden sich die Vriner BürgerInnen zunehmend ihrer beeindruckenden Bausubstanz bewusst, die es zu erhalten und weiterzuentwickeln galt. Der wesentliche Kern des heutigen Dorfes entstand in der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts. Wohnhäuser und Ställe, fast ausnahmslos Holzbauten in Blockkonstruktion, spiegeln die enge Verbundenheit mit der Landwirtschaft wider.

Neben der Ausweisung von Bauzonen und dem Ankauf von Bauland durch die Gemeinde wurden wichtige Baurichtlinien erlassen. Bauten haben als gemeinsame Komponente die Ressource Holz. Die Verwendung heimischer Materialien und die Beauftragung regionaler Gewerbebetriebe generieren eine hohe Wertschöpfung. Auch gemeindliche Baumaßnahmen wie die Stiva da morts (Totenhalle) und die Gemeindehalle spiegeln diese Philosophie wider.

Neben einer Schule gibt es auch eine Bäckerei und ein Lebensmittelgeschäft, bei denen die KonsumentInnen am Gewinn beteiligt und somit motiviert sind, im Ort einzukaufen. Für die SeniorenInnen im Dorf werden von den Vereinen Mittagstische und andere Dienstleistungen organisiert

Vrin ist gekennzeichnet durch zahlreiche, miteinander vernetzte Projekte, die wesentlich zur Wahrung der kulturhistorischen und architektonischen Substanz sowie zur Verbesserung der Wohn- und Betriebsverhältnisse beitragen. Dabei beeindrucken insbesondere die hohe architektonische Qualität, der Einsatz standortgerechter Materialien, die Maßnahmen zur Direktvermarktung, die multifunktionale Mehrzweckhalle mit ihren innovativen Holzbaudetails und der Bau des Aufbahrungsraumes in der Ortsmitte als Indiz für das starke Miteinander der örtlichen Gemeinschaft.