Tučín, Olmütz, Tschechische Republik

Die Gemeinde Tučín, ein Angerdorf mit etwa 450 EinwohnerInnen, erstreckt sich über eine Fläche von 480 Hektar, die zu 85 % als Ackerland dient, das mehrheitlich von drei Vollerwerbsbauern in Familienbetrieben bewirtschaftet wird. Die Erwerbstätigen gehen großteils einer Beschäftigung in der nahe liegenden Bezirkshauptstadt Přerov nach. Die Frauenerwerbsquote beträgt 88 %, der Arbeitslosenanteil liegt mit 9,4 % unter dem regionalen Durchschnitt von 12,4 %.

Das Dorferneuerungsprogramm baut auf zwei Fundamenten auf, nämlich der nachhaltigen Stärkung der Dorfgemeinschaft in ihrer demographischen, sozialen und wirtschaftlichen Struktur sowie der Wiederherstellung und nachhaltigen Stabilisierung der ökologischen Rahmenbedingungen zum Erhalt einer identitätsstiftenden Kulturlandschaft. Die Kleinheit und die kompakte Siedlungsstruktur mit kurzen Wegen und direkten Kontakten werden als fundamentale Stärke erkannt. das Engagement aller BürgerInnen kann in diesem Rahmen ein erheblicher Mehrwert Transparente Information und Kommunikation sowie die Beteiligung breiter Bevölkerungsgruppen an Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozessen werden als sehr wertvoll angesehen und demgemäß durch eine Gemeindezeitung, Bürgerumfragen, eine gemeindeeigene Internetseite und einen Dorfradiosender gefördert.

Die Landwirtschaft leidet unter widrigen ökologischen Rahmenbedingungen mit wenig sickerfähige Böden und starken Niederschlägen. Landwirte, Gemeinde und Dorfgemeinschaft arbeiten daher sehr intensiv zusammen, um den Naturraum ökologisch zu stabilisieren und für eine produktive und nachhaltige Landwirtschaft zu ertüchtigen. Ein Programm zur Wiederaufforstung und Pflanzung von Baumkorridoren, der Bau von Felddrainagen, die Planung eines Hochwasser-Retentionsbeckens sowie die Teilverlegung der örtlichen Landwirtschaft weg vom Ackerbau hin zur bodenkonformen Wiesenwirtschaft und damit zur örtlichen Energieversorgung sind wichtige Schritte auf diesem Weg. Die landwirtschaftlichen Erzeugnisse, Honig, Obst aus den gemeindlichen Obstgärten und die Produkte der Keramikwerkstatt werden im Dorfladen direkt vermarktet.

Leer gefallene Gebäude werden durch Instandsetzung öffentlichen Nutzungen etwa als Kindergarten, Gasthaus und Dorfladen zugeführt. Aktuell befindet sich ein neues Gebiet in der Bebauungsplanung. Es wird in integrierter Lage unmittelbar an den Dorfanger anschließen und nachrückenden Generationen sowie zuziehenden Familien Siedlungsraum innerhalb der Gemeinde verschaffen. Im brach liegenden Steinbruch legte die Gemeinde 2008 ein Biotop an und begann mit dem Aufbau lokaler Entsorgungsnetze. Der Bau des Kanalnetzes ist abgeschlossen, die dazugehörige Kläranlage wird 2011 fertiggestellt. Für die Einrichtung einer dorfeigenen Mülltrennungsanlage werden augenblicklich Flächen bereitgestellt.

Die größte Ressource Tučíns sind seine Menschen. Die Dorfgemeinschaft organisiert sich in zahlreichen Vereinen, die mit der Gemeinde symbiotisch agieren und damit eine soziale Wertschöpfungskette außerhalb marktwirtschaftlicher Systeme in Gang gesetzt haben, die eine soziale Integration aller Generationen und beider Geschlechter gewährleistet und die individuelle wie kollektive Lebensqualität innerhalb der Gemeinde deutlich erhöht.

Tučín verfolgt einen ganzheitlichen und zukunftsweisenden Weg, hat neben anderem elementare Herausforderungen einer ökologischen und nachhaltigen Siedlungsentwicklung erkannt und begegnet diesen mit einer ortsspezifischen Antwort. Auch ist es auf herausragende Weise gelungen, soziale Energien freizusetzen und zusammenzuführen, die integrativ und identitätsstiftend über Generationen, Geschlechter und gesellschaftliche Gruppen hinweg wirken. Tučín wurde daher mit einen Europäischen Dorferneuerungspreis für eine ganzheitliche, nachhaltige und mottogerechte Dorfentwicklung von herausragender Qualität ausgezeichnet.