Sand in Taufers, Südtirol, Italien

Die Marktgemeinde Sand in Taufers zählt auf einer Fläche von 164,47 km² 5.100 EinwohnerInnen, die sich auf die fünf Fraktionen (Dörfer) Sand, Mühlen, Kematen, Ahornach und Rein aufteilen. Ihre hochalpine Lage im Tauferer Ahrntal, nahe der Stadt Bruneck, mit 11 Seen und 68 Flüssen prädestiniert die Gemeinde für den Fremdenverkehr, wobei der Sommertourismus stärker ausgeprägt ist. Aber auch Handwerk und Handel, Industrie, Landwirtschaft und nicht zuletzt der Dienstleistungssektor sind von großer wirtschaftlicher Bedeutung.

Sand in Taufers startete seine Erneuerungsbewegung im Jahr 2000. Sie basiert auf der Erkenntnis, dass Bildung und Weiterbildung der Schlüssel zu einer nachhaltigen Gemeindeentwicklung sind und dass der Ideenreichtum der BürgerInnen neben der naturräumlichen und wirtschaftlichen Gunstlage die wertvollste Ressource der Gemeinde darstellen. Dieser Ansatz hat die JurorInnen ebenso beeindruckt wie der Anspruch auf Ganzheitlichkeit und der hohe Grad an thematischen, räumlichen und interkommunalen Vernetzungen gepaart mit Beispiel gebenden gesellschaftlichen Innovationen.

Folgerichtig ziehen sich Bildungsinitiativen wie ein roter Faden quer durch alle Handlungsfelder: Eine „Genossenschaft für Weiterbildung“ erstellt pro Jahr zwei Bildungsprogramme und die Gemeinde vergibt statt Urkunden und Einkaufsgutscheinen Bildungschecks an die BürgerInnen. Eine multifunktionale Bibliothek, die auch mit neuen Medien aufwartet, und mehrere Bildungszentren mit modern ausgestatteten Schulungsräumen, schaffen ideale Bedingungen für die jährlich rund 80 Weiterbildungsveranstaltungen mit etwa 900 TeilnehmerInnen.

Sehr viel Wert wird dabei auch auf die Qualifizierung der MitarbeiterInnen der Gemeindeverwaltung gelegt, damit sie ihren Aufgaben in einer von einem hohen Grad an Bürgerbeteiligung geprägten Gemeinschaft gerecht werden können. Engagement und Eigeninitiative der Bevölkerung werden in Sand nämlich nicht nur zugelassen, sondern als das wichtigste Steuerungselement des Entwicklungsprozesses angesehen, das es von Seiten der Politik und der Verwaltung zu fördern gilt – mittels Infrastrukturen, mittels Schulungen zur Befähigung zur Beteiligung sowie mittels Vorträgen von Experten und Impulsveranstaltungen, die Entscheidungshilfen bieten und zur Auseinandersetzung mit neuen Themen anregen.

Ein weiterer Entwicklungsschwerpunkt ist im Bereich Bewusstseinsbildung, Information und Aktion zum Thema erneuerbare Energie und Energiesparen angesiedelt: Energiekonzept Niedrigenergiehäuser sowie Einsatz von Windenergie, Wasser, Erdwärme und Photovoltaik sind nur einzelne Stichworte, die den Umfang und die Qualität der gesetzten Maßnahmen beschreiben. Sie finden Ergänzung in einer bäuerlichen Biogasanlage zur Stromerzeugung mit Vorbildwirkung über Norditalien hinaus und in einem Haus der Energie, dessen Realisierung in Angriff genommen wurde.

Highlights in den Sektoren Wirtschaft und Landwirtschaft sind neben anderen das Käsefestival, das jährlich rund 10.000 Besucher anzieht und damit sowohl Gewerbe und Tourismus wie auch die bäuerlichen Milchproduzenten fördert, und die „Ahrntaler Aktivbauernhöfe“, die auf attraktive Angebote und professionelles Marketing im Zusammenhang mit bäuerlicher Gästebeherbergung setzen. Bemerkenswert ist auch das kommunale, auf nachhaltige Entwicklung ausgerichtete Tourismusleitbild, das Wirtschaft und Natur einerseits und Gäste und Einheimische andererseits als gleichberechtigte Partner sieht, und das sehr deutlich auf Synergien durch Vernetzung setzt.

Im Naturschutzbereich überzeugen ein neu angelegter Naturlehrpfad, zahlreiche Naturschutzgebiete u. Biotope sowie die sehr gelungene Umgestaltung des Freibades zu einem See. Besondere Erwähnung verdient auch das „Naturparkhaus“ im Dorfzentrum von Sand in Taufers, das den Besuchern die Einzigartigkeit dieser Bergwelt in all ihren Facetten näher bringt. Dass die Bewusstseinsbildung für die heimatlichen Naturschätze und den Wert einer intakten Umwelt bereits in Kindergarten und Schule ihren Anfang nimmt, versteht sich fast schon von selbst.

Hinsichtlich der Siedlungsgestaltung gäbe es eine Vielzahl an Projekten vor den Vorhang zu bitten, nicht zuletzt die qualitätvolle Sanierung zahlreicher Ortsbild prägender Gebäude und die Schaffung eines attraktiven Zentrums, das vielfältigen, bürgerfreundlichen Funktionen gerecht wird. Herausragend erscheinen das kluge Verkehrskonzept, das motorisierten Verkehr einschränkt und Fahrrad und Fußgänger fördert, und die Eigeninitiativen von Unternehmern, die Verkehr vermeidende Aktivitäten ihrer Mitarbeiter unterstützen und belohnen. Ein zusätzliches Plus im Sinne des Verkehrsparens steht unmittelbar vor der Realisierung: Ein mit erneuerbarer Energie betriebener Citybus wird ab November 2008 das Dorfzentrum von Taufers mit den umliegenden Siedlungen verbinden.

Trotz der Dominanz einer atemberaubenden Natur genießen in Sand in Taufers die geistige und materielle Inwertsetzung von Kunst und Kultur einen hohen Stellenwert. Ein entsprechendes Leuchtturm-Projekt stellt die interkommunale „Kulturmeile“ dar, die 31 ansprechend und informativ beschilderte Stätten mit kulturhistorischer, siedlungsgeschichtlicher, wirtschaftsgeschichtlicher oder kunstgeschichtlicher Bedeutung umfasst. Die einzelnen Attraktionen wurden schließlich auch in einem vielbeachteten Taschenbuch zusammengefasst und im Internet publiziert. Die Kulturmeile leistet somit einen wichtigen Beitrag zur Sicherung von altem Wissen und traditionellen Kulturtechniken und erweist sich damit im hohen Maße Identität stiftend.

Ein dichtes Netz an gut funktionierenden und zeitgemäßen sozialen Einrichtungen spiegelt Mottogerechtigkeit im Sinne von „Zukunft durch gesellschaftliche Innovationen“ wider und erhöht in erheblichem Maß die Lebensqualität aller Generationen und beider Geschlechter in Sand in Taufers. Die Aktivitäten und Leistungen reichen von Altenbetreuung, Sommerkindergarten, gemeindeeigene Altenwohnungen und „Essen auf Rädern“ über Sozialsprengel mit einer Vielzahl von Leistungen, „stille“ Nachbarschaftshilfe und „Offene Jugendarbeit“ bis hin zu Frauenkreise mit Diskussion, Motivation und Weiterbildung – beispielsweise für JungunternehmerInnen –,“Haus für Brasilien“ und andere Spendenaktionen, die allesamt mit starker Beteiligung der Bevölkerung umgesetzt werden.

Sand in Taufers besticht durch eine Vielzahl an miteinander vernetzten, aufeinander abgestimmten und in kommunale, regionale und in internationale Konzepte eingebundenen Projekten, die als markante Stationen auf dem Weg zu einer zukunftsorientierten und basisdemokratischen Bildungsgemeinde mit hoher Lebensqualität anzusehen sind. Soziale, wirtschaftliche, kulturelle und ökologische Aspekte werden dabei als gleichwertig behandelt, was in Kombination mit einem sehr ausgeprägten Problembewusstsein, insbesondere für Anliegen des Klimaschutzes und für neue Anforderungen infolge eines permanenten gesellschaftlichen Wandels, und einer klaren Innovationsorientierung die Überzeugung stärkt, dass in Sand in Taufers ein nachhaltiger Entwicklungsprozess in Gang gesetzt wurde, der noch viele Erfolge zeitigen wird. Daher wurde die Gemeinde Sand in Taufers mit dem Europäischen Dorferneuerungspreis 2008 ausgezeichnet.